Literatur: Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler

Autorin: Gianna Maria Frank

Die kleine Tochter des Arztes Fridolin und seiner Frau Albertine, liest vor dem Schlaf aus einem Buch vor. Bald fallen dem Mädchen beinah die Äuglein zu und Fridolin küsst sie auf das blonde Haar. Es ist nun Zeit schlafen zu gehen. Die Eltern schauen sich lieblich und zärtlich lächelnd an. Die Kleine reicht Mutter und Vater die Lippen zum Kuss und lässt sich von dem Fräulein aus dem Raum führen. Mit diesen traumhaften Handlungen beginnt Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler, die 1925 zum ersten Mal in Berlin kapitelweise in der Modezeitschrift Die Dame erschien. Später noch sitzen Fridolin und Albertine beisammen, bei Austern und Champagner, und plaudern vergnügt, als hätten sie eben erst Bekanntschaft miteinander geschlossen. Sie plaudern sich in eine Komödie der Galanterie und der Verführung hinein. Harmonie und ein heiß erlebtes Liebesglück, das sich regelmäßig in den Armen liegt, so erfährt man es hier. Vorerst! Man kann sich noch so sehr wünschen, dass diese harmonische, aber auch verführerische Leidenschaft zwischen Fridolin und Albertine anhält, aber die Geständnisse, die sich die beiden zu erzählen haben, lassen nicht lange auf sich warten. Nicht zuletzt deshalb, weil Albertine unzufrieden mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau ist. Sie trauert ihrer Jugend nach, die eher durch Vernunft geprägt war. Sie konnte diese nicht richtig genießen, weil sie jungfräulich in die Ehe gehen sollte. Aber natürlich werden diese Bedenken, wegen dem nicht denkbaren Ausbruch aus dem klassischen Familienalltag, verworfen. Es fällt immer schwerer, das vermeintlich immer harmonische Eheleben und die private Erfüllung zwischen den beiden miteinander zu verbinden und die tolle Fassade zu wahren. Kaum ist der graue Morgen angebrochen, tritt auch die Wirklichkeit wieder hervor. Manchmal ist die Nacht eben wie ein schöner Schleier, der durch die dennoch leichte Dichte das verdeckt, an das wir nicht denken wollen, weil es nicht schön ist, aber trotzdem durchsichtig genug ist, um das wahrlich Schöne zu sehen und daran festzuhalten. Fragen brauen sich nun wieder in beiden Köpfen zusammen und die Antworten darauf, die erfolgen bloß doppeldeutig. Beide wissen, dass es verborgene Geheimnisse gibt und dass ein Stück zur vollkommenen Aufrichtigkeit fehlt. Auch wenn es nur ein Stück ist, ist es trotzdem da. Und dieses versuchen Fridolin und Albertine mit leichtem Geplauder zu verschleiern, doch trotzdem wird daraus ein ernstes Gespräch über jene kaum geahnten und verborgenen Wünsche, die in den beiden schlummern. Selbstquälerisch und irgendwie neugierig, versuchen die beiden sich gegenseitig Geständnisse zu entlocken. Sie denken zurück an jene erholsamen Tage in Dänemark, in denen sowohl Albertine, als auch Fridolin erotische Erfahrungen mit Fremden verlebten. Diese gestehen sich die beiden nun und Fridolin bemerkt die Unzufriedenheit Albertines. Doch das Gespräch wird unterbrochen, als Fridolin seinen ärztlichen Pflichten nachgehen muss und zum Wiener Hofrat gerufen wird, welcher einen Herzinfarkt erlitten hat und daraufhin verstirbt. Die anwesende Tochter des Hofrats will nun schweren Herzens ihrem Verlobten an die Göttinger Universität folgen, ist aber heimlich in Fridolin verliebt, wie beim Lesen zu erkennen ist. Man spürt eine gewisse Verbindung zwischen den beiden und merkt, dass die Frau Fridolin gefällt. Im Geruch von Kölnisch Wasser und Rosenseife, nimmt Fridolin den süßlich faden Geruch von Marianne wahr. Fridolin will schon nach Hause zurückkehren, doch läuft letztlich doch ziellos durch das nächtliche Wien. Auf seinen Wegen trifft er eine Prostituierte, deren blutroter Mund Fridolin sofort auffällt. Fridolin will die junge Frau bezahlen, um ihr sein Herz auszuschütten. Obwohl Fridolin Albertine bei seinem Abschied vorhin einen Kuss gab, der so wirkte, als wäre das Gespräch voller Geständnisse schon wieder aus seinem Gedächtnis verschwunden, lässt es ihn in Wahrheit nicht los. Als er wieder allein auf seinen Wegen durch Wien ist, kehrt er schließlich in ein Kaffeehaus ein, wo er auf einen alten Kommilitonen namens Nachtigall trifft, der Fridolin von ausschweifenden Bällen und Festen berichtet. Obwohl Fridolin das nicht ohne Zweifel betrachtet, geht er mit Nachtigall, verkleidet, zu einem dieser Bälle, bei dem der Pianist die Augen verbunden trägt. Fridolin fällt unter all den als Mönche und Nonnen verkleideten Gästen sofort auf. Natürlich überkommt ihn ein unbehagliches Gefühl, aber selbst der Rat einer Nonne kann Fridolin nicht davon abhalten, zu bleiben. Da Fridolin erneut mit der Nonne ins Gespräch kommt und sie demaskieren will, droht sie mit Strafen, die eine Demaskierung mit sich zieht. Das Gespräch (oder besser gesagt, die Auseinandersetzung) bleibt von den anderen nicht unbemerkt und somit wird Fridolin als Fremder erkannt. Er soll seine Maske abnehmen und wird schließlich des Saales verwiesen und zusätzlich gewarnt, dass er weder Nachforschungen anstellen, noch jemandem von den Geschehnissen dieser Nacht erzählen solle. Schließlich macht sich Fridolin auf den Weg nach Hause und versteckt sein Kostüm. Als er zu Bett gehen will, merkt er, dass seine Gattin einen Albtraum hat und weckt sie, weil er von dem Traum hören will. In dem Traum ging es wieder um die Leidenschaft zwischen den beiden und dass Albertine sich schließlich ihren erotischen Wünschen hingab, aber Fridolin gefoltert wurde. Ihre Affären, über die sich Fridolin und Albertine in jener Nacht gegenseitig ausgetauscht hatten, erschienen auch darin. Fridolin wurde dazu aufgefordert, sich ebenfalls seinen erotischen Fantasien hinzugeben, wenn nicht, solle er gekreuzigt werden. Anstatt im Traum Mitleid für ihren Mann zu empfinden, lacht Albertine ihn aus. Nachdem Albertine Fridolin von ihrem Traum erzählt hat, ist ihr Gatte sehr aufgelöst und entsetzt. Er hält die Ehe für gescheitert. Die Geschehnisse im Traum setzt er nun mit den realen gleich. Noch sagt er Albertine nicht die Wahrheit über die Nacht, aber hat vor es bald zu tun. Er will mit der Anweisung brechen und nun am nächsten Tag doch Nachforschungen anstellen, was den Ball und die Geschehnisse in der Nacht betreffen. Das gestaltet sich aber als durchaus schwierig, weil die Personen, mit denen er sprechen will, nicht anzutreffen sind. Als Fridolin wieder nach Hause kommt und seiner Frau nun letztendlich doch diese Nacht beichten will, sieht er neben seiner schlafenden Albertine seine Maske. Albertine muss sie absichtlich dort hingelegt haben. Als Albertine erwacht, erzählt Fridolin ihr alles und sie vergibt. Sie stellen fest, dass nun alle Träume vorüber sind, dass sie erwacht sind und dass ihnen in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet wurden. So lagen sie, er auf ihrer Brust, schweigend. So lange, bis der neue Tag mit einem Kinderlachen begann...

 

Eindeutig merkt man, was der Autor mit diesem Buch kritisieren will. Nämlich sind dies Zwänge und Unterdrückungen, hier in einer Familie bei der die Fassade sehr gut erscheint, aber es unter der Oberfläche Fantasien gibt, die niemand wissen soll, die niemand verstehen würde. Ob es sich nun um Liebe, Träume handelt. Traumwelten haben eine enorme Bedeutung in unserem Leben. Sie spiegeln unsere geheimen Wünsche, Fantasien und Erlebnisse wieder. Werden wir in eine Schublade gezwängt, belastet uns das. Es lässt uns nicht los und man kann es sogar mit in die Ehe nehmen, besonders wenn es damit etwas zu tun hat. Das merkt man auch ganz deutlich bei Albertine. Wegen Zwang, und somit ja wohl auch dem Druck von Außen, ging sie mit Fridolin in die Ehe, ohne vorher mit einem Mann geschlafen zu haben. Und das obwohl sie es so nicht wollte. Sie nahm ihre Wünsche und Fantasien, die wohl auch in der Ehe nicht ausreichend erfüllt worden sind, mit in ihr vermeintlich neues Leben. Stattdessen war sie „nur“ noch Hausfrau und Mutter und fühlte sich so, als gäbe es für ihre wahren Wünsche kein Platz mehr. Hier könnte man einen weiteren Zwang hineininterpretieren, der berufliche und akademische Gründe hat. Während Fridolin in seinem Beruf als Arzt vollkommen aufblüht, könnte es sich Albertine doch auch mit ihrer Unzufriedenheit als Hausfrau etwas anderes gewünscht haben. Vielleicht wollte auch sie einen anderen Beruf haben, der zwar viel von ihr abverlangt, aber sie trotzdem glücklich macht. Genau wie es eben bei ihrem Mann der Fall ist. Für ihn ist es schließlich auch nicht immer leicht, früh am Morgen zu Bette gerufen zu werden. Trotzdem geht er in seinem Tun auf. Und das höchstwahrscheinlich, weil es seine Leidenschaft ist und sein Wunsch Arzt zu werden, nicht unterdrückt wurde. Das allerschönste ist es doch, wenn man eine Leidenschaft hat, die man zum Beruf machen kann. Wenn jemand zum Beispiel einen künstlerischen Beruf ausüben will, dann warum, verdammt nochmal, nicht? Dafür gibt es doch zisch Möglichkeiten. Würde es die Kunst, zum Beispiel die des Schreibens (Autoren, Drehbuchautoren, Dichter etc.), nicht geben, dann wäre es gar nicht auszudenken, was alles fehlen würde. Da würde so viel Unterrichtsstoff wegfallen, dass sich die Schule gar nicht lohnen würde. Es würde keine Literatur geben, die so viele und auch ich so sehr vergöttern. Es würde keine Kunst geben und somit auch keine Kunstgeschichte, die in der Schule im Unterrichtsfach der Kunsterziehung gelehrt wird. Und es würde sicherlich auch keine Mathematik geben, weil auch da die Kunst des Rechnens und der Logik drinsteckt. Druck hilft uns nicht weiter. Es ist das letzte, das irgendwie hilft. Viel lieber sollten wir, solange es im Rahmen der Gesetze bleibt und wir niemand anderen damit verletzen, unseren Wünschen und Fantasien freien Lauf lassen und uns nicht, wie es Albertine noch lange Zeit getan hat, weil andere für sie bestimmt haben, unterdrücken lassen. Ich ziehe viele Lehren aus diesem Buch und bin da sicherlich nicht die einzige. Zum Beispiel auch jene, dass wir uns durch die Unterdrückung von Träumen und Begierden, von dem eigenen Partner entfremden können. Das erfolgt hier wechselseitig. Es ist, als würde diese Krise zwischen den beiden in Gedanken entstehen und soll so auch wieder bewältigt werden. Sie kehren ins jeweilige eigene Ich und wollen dort Antworten finden. Eine Entdeckungsreise in der eigene Psyche soll stattfinden. Ohne dem anderen etwas zu erzählen, will man die Probleme also mit sich selbst ausmachen. Am Ende wird den Protagonisten aber schließlich doch noch vermittelt, dass man mit dem Unbewussten die Probleme nicht löst. Dass schließlich die Aussprache und die Ehrlichkeit zwischen den beiden, der Schlüssel zur Lösung der Problematik ist. Denn schließlich hat Albertine Fridolin durch diese Aussprache am Ende vergeben können und beiden Protagonisten wurden, im symbolischen Sinne, wieder die Augen geöffnet. Sie wissen nun wieder, was wirklich zählt und wie sie's in Zukunft vielleicht besser machen können, was ihre Ehe und das Familienleben betrifft. Die Maskenspiele, die hier auch einen symbolischen Wert haben, haben mit der Aussprache ein Ende. Es wurde viel versteckt, weil man über etwas nicht reden darf oder kann. Auch wenn die Demaskierung Folgen haben kann, so wie es einst die Nonne auf dem Ball Fridolin erläuterte, ist sie hier doch notwendig, damit es zwischen Albertine und Fridolin wieder gut ist. So bekommt der Leser vielleicht doch die Hoffnung wieder, dass diese verführerische Leidenschaft zwischen den beiden wieder aufblüht und sie beisammen sitzen, bei Austern und Champagner und wieder so plaudern, als hätten sie sich eben erst kennengelernt. Ich für meinen Teil liebe Schriftstücke, die eine solche Galanterie in sich tragen. Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. 

 

 

Beim nächsten Mal geht es um die Verfilmung der Traumnovelle namens Eyes Wide Shut ...