Kino: Eyes Wide Shut - über Liebe, Drama und verborgene Fantasien

Autorin: Gianna Maria Frank

Eyes Wide Shut. Der letzte vollendete Film des US-amerikanischen Filmregisseurs Stanley Kubrick, der wenige Tage nach der Fertigstellung des Filmschnitts im Jahre 1999 verstarb. Eyes Wide Shut ist die Verfilmung des Buches Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler, über das ich im vorherigen Bericht schrieb. Wie zu erwarten ist, gibt es im Film natürlich einige Unterschiede zum Buch. Zum Einen ist der Handlungsort nicht Wien, sondern New York, wobei der Film aber größtenteils in London gedreht wurde. Statt Pferdekutschen und spärlich leuchtenden Kerzen, gibt es helle elektrische Lichter, die das Stadtbild von New York beträchtlich prägen. Auch die Protagonisten tragen im Film andere Namen. Dr. William „Bill“ Harford (Tom Cruise), der im eigentlichen Sinne Fridolin darstellen soll, und seine Frau Alice (Nicole Kidman), im Buch Albertine, befinden sich zusammen auf der Weihnachtsparty ihres guten Freundes Victor Ziegler (Sydney Pollack), der in derTraumnovelle allerdings nicht vorkommt. Sowohl Bill als auch Alice flirten auf dieser Party mit anderen Gästen, obwohl das Ehepaar gerade noch ihre doch so traumhafte Fassade gewahrt hat und zusammen über´s Parkett schwebten. Man könnte den beiden Stunden dabei zusehen, wie sie elegant und nur zart aneinander geschmiegt das Tanzbein schwingen. Doch so kann es natürlich nicht bleiben, weil es ja noch viele andere Gäste auf der Party zu entdecken gibt. Bill trifft einen alten Studienfreund namens Nick Nightingale (Todd Field), im Buch Nachtigall (hier hat man offenbar Wert darauf gelegt, dass „Nachtigall“ auch im Film bleibt), der mittlerweile als Pianist arbeitet. Im Buch treffen sich Fridolin und Nachtigall in einem Kaffeehaus, nachdem Fridolin am Sterbebett vom Wiener Hofrat war. Im Laufe des Abends wird Bill von Ziegler in dessen Badezimmer geholt, weil sich dort eine Dame namens Mandy (Julienne Davis) befindet, die unter starkem Drogeneinfluss steht. Offenbar hatte Ziegler gerade Sex mit Mandy, die kaum noch ansprechbar ist. Als sie sich wieder einigermaßen erholt hat, verspricht Bill ihr, niemandem von dem Vorfall zu erzählen. Drogen spielen im Film auch zwischen Bill und Alice eine Rolle. Nach der Party konsumieren beide Marihuana und es kommt zum Streit über Untreue und Eifersucht. In weißer Unterwäsche, in der von Alice nicht viel verborgen bleibt, schreit sie ihren Mann an. Sie konfrontiert ihn damit, dass es Millionen Jahre Evolution gegeben hat und es bei Frauen trotzdem immer nur um Sicherheit und Verpflichtungen and whatever the fuck else ginge. If you men only knew, sagte sie noch, was den Streit so richtig in Anlauf bringt. Das Extrem des Drogenkonsums wird in der Traumnovelle nicht thematisiert. Viele dürften froh darüber sein, da es die Galanterie, die dort zwischen Albertine und Fridolin trotz allem immer besteht, dahinraffen würde. Nicht, dass es etwa im Film so was Derartiges nicht geben würde. Wenn Nicole Kidman als Alice in ihrer schwarzen Abendrobe aus Spitze, fast durchsichtig auf Busen, Schultern und Armen, und blonden Engelslocken, die elegant nach oben gesteckt sind, den Tanzsaal der Party betritt, ist Verführung sicher. Sie bewegt sich glamourös, damenhaft, sich ihrer Schönheit und Ehre durchaus bewusst. Sie wirkt nicht gerade so als wäre sie schüchtern oder unsicher. Nun, Albertine ist das vielleicht auch nicht ganz, aber wenn ich über sie lese, kommt sie mir immer etwas schüchterner vor als ihr Film-Ich Alice. Das liegt wohl auch daran, dass es sich bei dieser Protagonistin um die hübsche Nicole Kidman handelt (die ihre Rolle sehr gekonnt und ausgezeichnet spielt), bei der die wenigsten Schüchternheit vermuten dürften. Nur stellte ich mir Albertine immer etwas anders vor und tue es auch gewiss noch, wenn ich Die Traumnovelle lese. Ich denke vielleicht an die damals rothaarige und hübsche Julia Capulet (Claire Danes) aus der Verfilmung von Romeo und Julia (1996; mit Leonardo DiCaprio als Romeo; Regie: Baz Luhrmann), die ebenfalls eine bezaubernde Verführung ausstrahlte, aber mir manchmal etwas unsicher vorkam. Oder an eine schöne junge Frau mit Locken im adligen Gewand. Aber sind wir ehrlich: jeder hat seine eigene Vorstellung von Figuren in einem Buch. Gerade in Lieblingsbüchern versucht man sich intensiver damit zu befassen oder will vielleicht sogar unbedingt wissen, wie die Figuren aussehen. Aber das geht nicht selten negativ aus. Illusionen werden zerstört, es macht keinen Spaß mehr das Buch zu lesen, weil nun diese gewisse Fantasie fehlt, die man sich aber vorher selber in Stunden aufgebaut hat oder man mag das Buch dann vielleicht gar nicht mehr, weil einem die Figuren oder die Illustrationen auch nicht mehr gefallen. Nun finde ich es also besser, nicht alles über ein Buch zu wissen oder zumindest nicht unbedingt, wie die Figuren denn aussehen. Denke ich an Bücher, die verfilmt wurden, ist das oft so ein Zwiespalt. Lese ich ein Buch zu dem es bereits die Serie oder den Film gibt, denke ich oft an die Differenzen. „Das hat der/die aber nicht so gesagt.“ oder „So sieht die handelnde Person doch gar nicht aus, wie es hier im Buch beschrieben wird.“ Wir werden dann immer an die Darsteller aus Film oder Serie denken, wenn wir das Buch dazu lesen. Wenn ich von Harry Potter höre, denke ich zum Beispiel seit dem Jahre 2001 an den Protagonisten Daniel Radcliffe. Da kam nämlich die erste Verfilmung (Harry Potter und der Stein der Weisen) der Bücherreihe heraus. Und obwohl ich doch zumindest ein Buch vor dem Film gekannt habe (das erste was ich aus der großen Reihe hatte, war Harry Potter und der Gefangene von Askaban aus dem Jahre 1999), wo auch noch ein Junge auf dem Cover illustriert war (der natürlich auch sehr stark an Daniel Radcliffe erinnert), dachte ich beim Lesen nach dem Film nur noch an die Protagonisten und wie sie aussehen. Oder liest heutzutage noch jemand Harry Potter, ohne an Daniel, Emma, Rupert und Co. zu denken? Ähnlich ist es auch bei Twilight. Schon alleine, wenn man diesen Namen hört, denkt man an Robert Pattinson und an Kristen Stewart. Und wenn man dann die Bücher liest, wahrscheinlich erst recht. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich nie bei diesem „Vampir-Hype“ dabei war. Ich habe nicht ein einziges Buch von Twilight gelesen und nur versucht, einen Film davon zu schauen (nämlich den ersten namens Biss zum Morgengrauen, 2008). Beeindruckt hat mich das aber (leider) nie. Ich konnte einfach diesen Hype von Millionen Mädels nicht verstehen, die Vampire so anziehend fanden, als das doch alles so IN war. Vampire waren die besseren Menschen und in den Augen vieler Frauen und Mädels die besseren Kerle. Oder wer will nicht mal, wie Bella von Edward, von einem Vampir gebissen werden? Ich kenne jedenfalls noch die Art von Vampir, wie sie zum Beispiel bei Der kleine Vampir (ich hatte das Buch Der kleine Vampir und der unheimliche Patient, 2000) vorkam. Kleine Bleichgesichter mit schwarzem Haar und Gewand. Dunkel geschminkte Augen und spitzen weißen Zähnen, einen kleinen Schelm im Nacken. Man konnte sie gern haben, man konnte sie putzig finden oder man konnte sich auch hier darüber aufregen, dass echte Vampire in Wahrheit nie so wären. Aber ob ein Vampir so wie Edward wäre, ist doch auch irgendwie fraglich. Spätestens mitInterview mit einem Vampir (1994, Regie: Neil Jordan; mit Tom Cruise, Kirsten Dunst, Brad Pitt...) veränderte sich der „typische“ Vampir wie er mal war, in einen blassen Kerl mit rotstichigen Augen und wurde nur noch selten so verwendet, wie der kleine Vampir aber trotzdem später noch. Jedenfalls wäre es sehr langweilig, wenn wir alle Figuren, die in Büchern vorkommen, äußerlich kennen würden. Schließlich wäre dann die ganze Magie und Fantasie dahin. Oft kann es aber eben nicht vermieden werden. Das liegt größtenteils auch daran, dass sich viele Regisseure bei der Literatur bedienen und verdammt viele Bücher verfilmt werden. Aber trotz der Spitzenmäßigkeit der meisten Filme, denke ich doch, dass ein Film nie so viel ausschöpfen kann, wie ein Buch das tut. Mit geschriebenen Worten kann man, gerade bei Literaturliebhabern, so viele Emotionen und Gefühle, vielleicht sogar eine sehr starke Sentimentalität erzeugen. Aber mit Filmen geht das natürlich auch sehr gut. Das möchte ich in keinem Fall leugnen. Es gibt auch Sorten von Büchern, die sind geschrieben, wie ein fertiges Drehbuch. So etwas favorisiere ich nicht, weil wenn ich lese, möchte ich die Literatur möglichst vom Film trennen, da sonst die Fantasie wieder nichts zu tun hat. Es gibt schließlich Gründe dafür, warum es die Literatur gibt und warum es Drehbücher gibt, die als Anleitung für einen Film gelten, wie ich es gerne sage. Kubrick hat sich bei vielen (oder fast sogar bei allen seinen Filmen) an der Literatur orientiert. Full Metal Jacket (1987; übrigens der vorletzte Film von Kubrick) basiert auf den Romanen The Short-Timers (deutscher Titel: Höllenfeuer) und Dispatches (deutscher Titel: An die Hölle verraten), Shining (1980; einer meiner liebsten Horrorfilme) ist die Verfilmung vom gleichnamigen Roman (im Englischen beides The Shining), Barry Lyndon (1975) basiert auf Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon und Eyes Wide Shut ist ja die Verfilmung der Traumnovelle. Diese Liste könnte man natürlich auch noch weiter fortsetzen. Aber selbstverständlich sind die Filme nie haargenau so gestaltet, wie es im Buch vielleicht wirken soll. Das geschieht auch, glaube ich, in recht wenigen Filmen und ist auch ganz gut so. Während dem Streit zwischen Alice und Bill gesteht sie ihm, dass sie im Urlaub einen jungen Marineoffizier kennenlernte. Ein Wort von ihm hätte genügt und sie wäre ihrem Mann untreu geworden, wie sie selbst gesteht. Bill kann die Aussage seiner Frau gar nicht richtig fassen. Allerdings muss er weg, da das Telefon läutet. Einer seiner Patienten ist gestorben. Als er im Taxi sitzt, stellt er sich Alice und den Marineoffizier bei einer innigen Liebelei vor und macht sich verunsichert Vorwürfe, dass er die erotischen Fantasien seiner Frau nicht im Griff habe. Als er bei dem toten Patienten ankommt, trifft er dort auf dessen Tochter Marion (Marie Richardson), im Buch Marianne. Sie wartet auf ihren Bräutigam, aber küsst Bill ganz plötzlich und stammelt herum, dass sie ihn liebe. Das ist hier ganz offensichtlich dargestellt. Im Buch ist es etwas verborgener geschrieben. Man merkt dort zwar eine innige Atmosphäre, aber Marianne kommt einem zu schüchtern ´rüber und gesteht Friolin nicht so offensichtlich ihre Liebe. Bill kann nur beruhigend auf sie einreden und verabschiedet die junge Dame dann. Da Bill die Worte seiner Frau noch immer nicht glauben kann, macht er sich herumirrend auf den Heimweg. Dort trifft er auf eine Prostituierte, mit der Bill auch mitgeht. Als er in in ihrem Apartment sitzt, klingelt sein Handy, denn Alice ruft an. Sie möchte wissen, wann er denn nach Hause kommt. Direkt nach dem Anruf verabschiedet sich Bill also von Domino und es kommt nicht zum Sex zwischen den beiden. Doch Bill geht noch nicht nach Hause. Er betritt einen Jazzclub namens „Sonata Café“, im Buch das Kaffeehaus. Hier trifft er Nick Nightingale wieder. Er wartet auf einen Anruf, der ihm Gewissheit darüber geben wird, ob er in dieser Nacht noch einen Auftritt haben wird. Dies sei eine Veranstaltung, bei der er mit verbundenen Augen spielen solle und bei der es sich um wechselnde Orgien handle. Bill ist sehr neugierig darauf und während Nick tatsächlich telefoniert, notiert er das Passwort Fidelio auf einer Serviette, das Bill liest. Nach dem Telefonat überredet Bill ihn, ihm die Adresse zu verraten. Da alle Teilnehmer dieser Veranstaltung verkleidet sind, macht sich Bill auf den Weg zu einem Maskenverleih eines Patienten. Allerdings hat der Laden bereits einen neuen Besitzer, der Bill für 200 Dollar eine Maske und einen schwarzen Umhang mit Kapuze leiht. Mit einem Taxi fährt Bill zu einer recht abgelegenen Villa nach Long Island. Da er das Passwort kennt, öffnen ihm die Wächter das Tor. Wie Nick erzählte, spielt er tatsächlich Piano mit verbundenen Augen. In der großen Halle legen Frauen mit venezianischen Masken ihre Umhänge ab, was von einem Hohen Priester in Rot kommandiert wird. Das Ritual geht weiter, als sich die nun nackten Frauen maskierte Männer mit Mönchskutten auswählen und sich mit ihnen zurückziehen. Als Bill durch die Halle geht, sieht er überall Paare und Dreiergruppen, die miteinander Sex haben. Jedoch wird er von einer dieser Frauen gewarnt. Bill wird also, wie im Buch auch, als Eindringling erkannt und hier sogar zum Tode verurteilt. Allerdings entgeht er der Hinrichtung, da sich eine der Frauen für Bill opfert. Bill möchte mehr über diese Veranstaltung erfahren und sucht gleich am nächsten Tag nach Nick. Diesen kann er allerdings, auch nach intensiver Suche im Café, im Hotelzimmer Nick´s und sogar beiDomino, nicht finden. In der Zeitung liest Bill, dass die Gewinnerin einer Misswahl gestorben ist. In der Klinik erfährt es, dass es sich um die Frau handelt, die sich in der Nacht für ihn geopfert hat. Sie hatte wohl eine Überdosis an Drogen zu sich genommen, aber er vermutet, dass sie getötet wurde. Bill wird später von Victor Ziegler zu sich gebeten und dieser gesteht, dass er in der Nacht ebenfalls in der Villa gewesen und so auch Zeuge sei. Dass er Bill davor warnt, weitere Nachforschungen anzustellen, zeigt, dass er selbst zu dem Geheimbund der orgiastischen Rituale gehört. Victor meint alle Fragen Bill´s plausibel und harmlos erklären zu können. Der Tod des Mädchens sei nur ein reiner Zufall und Nick säße im Flugzeug nach Seattle, wo seine Familie lebe. Bill geht also nach Hause. Alice schläft bereits und neben ihr liegt auf dem Kopfkissen die Maske, die er glaubte verloren zu haben. Obwohl er seiner Frau nicht fremd gegangen ist, hat er sie seiner Meinung nach doch gedanklich betrogen. Er möchte ihr nun alles über die letzte Nacht berichten und zeigt Reue. Die beiden beenden ihre Ehekrise und haben nun beide mehr Verständnis füreinander. Als Alice, Bill und ihre kleine Tochter Helena (Madison Eginton) die Weihnachtseinkäufe erledigen, sagt Alice zu Bill, dass sie nun froh sein können, dass sie aus den Träumen und Fantasien erwacht sind. Und die Hauptsache sei, dass sie nun auch wach bleiben. In der Art endete auch die Traunovelle, wenn auch nicht beim Einkaufen, sondern im Schlafzimmer von Albertine und Fridolin. Der Sinn bleibt der Selbe. Im Film wird die Bedeutung natürlich durch eindeutige Szenen und Handlungen verstärkt. Das Sexuelle wird viel offensichtlicher und wohl auch moderner thematisiert, als im Buch von 1925. Wie viel Wahrheit verträgt eine Ehe? Wie kann der verstärkte Sexualtrieb eine Ehe zerstören? Diese Fragen dürften im Film deutlich beantwortet werden. Der Film wurde vor seinem Erscheinen, wegen der vorher erwartenden sexuellen Obsession, als „heißester Film des Sommers“ angekündigt. Aber Eyes Wide Shut ist kein sexistisches und skandalöses Werk. Es geht hier nicht nur um Sex. Man setzte sich mit ernsthaften Themen und Fragen auseinander, die kunstvoll, irgendwie auch in einer mystischen Art und in Form dieser spitzen Verfilmung dargestellt wurden. Es gibt sicher Leute, die diesen Film obszön finden uns sich so gar nicht damit anfreunden können. Man muss eben die Tiefgründigkeit von Eyes Wide Shut und auch von der Traumnovelle erkennen. Vielleicht erwartet man ja auch etwas ganz anderes, bevor man den Film gesehen oder das Buch gelesen hat. Wenn man den Titel Traumnovelle hört oder liest, dann denkt man vielleicht an ein romantisches und verträumtes Schriftgut, in dem Verliebtheit eine große Rolle spielt. Oder man denkt an Ein Sommernachtstraum von Shakespeare. Das waren jedenfalls meine Gedanken, als ich den Titel des Buches zum ersten Mal las. Aber obwohl diese nicht ganz erfüllt worden sind, enttäuschten mich weder Buch noch Film. Ich finde beides spitze. Man lernt viel über Fantasien und Träume. Beides hat ein lehrreiches Ende.

 

 

 

Was man mitunter im Wachen nicht genau weiß und fühlt – ob man gegen eine Person ein gutes oder ein schlechtes Gewissen habe – darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum.

 

- Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller