Literatur&Kino

Bücher sind keine Filme!“

 

Der Unterschied zwischen Literatur und Film und wie die beiden sich gegenseitig beeinflussen

Autorin: Gianna Maria Frank

Datum: 28.08.2016

Schon einmal thematisierte ich im Artikel „Eyes Wide Shut - über Liebe, Trauma und verborgene Fantasien“ kurz, wie die Literatur das Kino beeinflusst und wie sich so manche Filmemacher daran bedienen oder besser gesagt, sich davon inspirieren lassen. Als gutes Beispiel nahm ich damals Stanley Kubrick, der viele Bücher verfilmte. Ich nannte Die Traumnovelle (Eyes Wide Shut), Höllenfeuer (Full Metal Jacket), Shining (Film ist gleichnamig), Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon (Barry Lyndon) und so weiter... Auch 2001: Odyssee im Weltraum, der übrigens letztens auf Arte lief (deshalb möchte ich ihn hier aus diesem recht aktuellen Anlass nicht vergessen zu erwähnen), ist aus einer Inspiration eines Literaturstücks heraus entstanden. Kubrick orientierte sich hier an der Kurzgeschichte The Sentinel von Arthur C. Clarke. Bei Kubrick darf ein wichtiger Aspekt nicht ausgelassen werden, da er sehr nennenswert ist: er verfilmte auch Romane, die keine Bestseller waren, z.B. Die Traumnovelle und The Short Timers. Die Filme von Kubrick sind, meiner Meinung nach, mehr als gelungen und da er auch mein Lieblingsbuch, nämlich Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler verfilmt hat, hat er bei mir sozusagen ein Stein im Brett. Außerdem ist auch noch Shining einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Kubrick´s Filme sind eine Exzellenz und man muss sie einfach gesehen haben. Er lässt sich von der Literatur inspirieren, aber kopiert natürlich nichts. Ein Regisseur muss all seinen Filmen eine eigene Note verleihen und Kubrick schafft mehr als das, wie ich finde. Die Literatur bleibt die Literatur und der Film bleibt der Film. Klar denkt man beim Schauen eines Films auch an das Buch, was auch überwiegt, da die wenigstens beim Film an den jeweiligen Regisseur denken. So habe ich es beispielsweise bei Eyes Wide Shut auch getan. Aber man muss auch sehen, dass durch den Regisseur ein vollkommen neues Werk erschaffen wird, das unabhängig vom Buch sein möchte. Es gibt allerdings Ausnahmen, die auch sehr gravierend sind. Manche Filme sind 1:1 wie das Buch. Ich erlebe es selten solch einen Film zu sehen und kann deswegen auch nicht sagen oder abschätzen, wie viele solche „1:1-Verfilmungen“ es gibt. Ich kann nur sagen, dass man sich dabei etwas traurig oder vielleicht sogar sauer fühlt. Es gibt zahlreiche Menschen, ob nun Kritiker, Literaten oder Bücherliebhaber, die immer wieder betonen, wie sich der Film, das Kino bei der Literatur bedienen. Es wird kritisiert, dass Filme sich nie so gut ausdrücken können, wie es Bücher tun. Wörter würden mehr und besser beschreiben, die Situationen mehr zum Leben erwecken. Letzte Woche erst hörte ich solch eine Aussage wieder mit eigenen Ohren. Ich gebe zu, dass auch ich oft der Meinung bin, dass Wörter mehr ausschöpfen können und ich schrieb auch einmal, dass Bücher das eben ein bisschen besser können. Das heißt aber nicht, dass ich finde, Filme würden dies gar nicht können. Es gibt auch Filme, die besser sind als das Buch. Natürlich sind Bücher magisch und die Sprache im Allgemeinen ist etwas Wunderschönes, aber ich würde nicht wagen zu sagen, dass Filme keine Emotionen auslösen können, nichts ausschöpfen können. Dass Filme nichts Magisches haben, dass Filme nicht in die Tiefe gehen können. Und da bin ich selber ein absoluter Literaturliebhaber und weiß, wie ein Buch wirken kann und wie Wörter herrlich beschreiben können. Dabei sollte man aber eins nie vergessen: es gäbe auch ohne Drehbuchautoren keinen gescheiten Film. Auch sie sind Autoren und gestalten mit Wörtern, beschreiben, damit Emotionen ausgelöst werden können. Wenn es also nicht gerade ein Stummfilm ist, können auch beim Film, Wörter gewaltige Gefühle auslösen. Und denken wir einmal darüber nach, was dies noch tut. Szenen werden überwiegend mit der richtigen Musik betont und ausgeschmückt. Diese kann Melancholie, Traurigkeit, Wut, Freude, Liebe... ausdrücken. Bei einer Serie beispielsweise, achte ich immer auf das Intro. Gefällt mir dies, dann weiß ich meistens schon, dass mir auch die Serie gefallen wird. Hierzu möchte ich ein eher sentimentales Beispiel nennen. Die Telenovela Sturm der Liebe, die seit 2005 im Ersten ausgestrahlt wird, beeindruckt von der ersten Staffel an mit dem Intro. Was dabei zählt? Musik, Bilder, Farben, Menschen, Handlungen! In dem Moment, in der das Lied mit dem Ton nach oben geht und von einer gefühlvollen Stimme begleitet wird, bekommt man eine Gänsehaut. Ein gutes und professionelles Intro macht eine tolle Serie aus. Auch beim Film sind Musik und Gestaltung enorm wichtig. Kann man sich das ohne diese Dinge überhaupt noch vorstellen?

 

Drehbücher sind natürlich nicht romanartig aufgebaut. Das geht nun mal nicht. Es sind ja keine „richtigen“ Bücher und deswegen lassen sie sich so auch nicht lesen. Dazu muss man allerdings sagen, dass es durchaus auch Romane gibt, die sich wie ein Drehbuch lesen. Doch was könnten die Gründe dafür sein? Man könnte es damit erklären, dass auch der Film auf die Literatur abgefärbt hat. Nehmen wir folgendes Beispiel: ein Drehbuchautor schreibt einen Roman, der aber aus einem Drehbuch gemacht wurde. Also, der Roman wurde nicht direkt literarisch geschrieben, sondern er war ein richtiges Drehbuch und dieses wurde nur umgeschrieben und in ganze Texte und Abschnitte geändert. Es wurde alles in einem Stil geschrieben, der viel literarischer ist. Der Kern ist natürlich nun, dass der Drehbuchautor sich natürlich (oder es ist zumindest stark anzunehmen) wünscht, dass sein Roman, wie es auch bei seinen Drehbüchern geschieht, verfilmt wird. Wenn der Roman ein Erfolg ist, dürfte das nicht sonderlich zum Problem werden. Das heißt praktisch, dass aus einem Roman, der vorher schon mit Idee, Wort und Satz ein Drehbuch war, wieder ein Drehbuch wird, damit das Buch verfilmt werden kann. Verwirrend, nicht? Doch trotzdem bleibt eine eigentlich recht große Problematik und zwar jene, dass sich das Buch wahrscheinlich wie ein Film (oder besser gesagt, wie das Drehbuch) liest. Das gefällt sicher nicht jedem und schon gar nicht ausgeprägten Literaten. Vielleicht stellt man sich auch oft die Frage, ob ein Buch denn immer verfilmt werden muss oder ob es zu einem Film immer ein Buch geben muss. Immer wenn ich ein Buch lese, zu dem es schon einen Film oder eine Serie gibt, fange ich an zu vergleichen. Es tun sich verschiedene Fragen auf: „Warum ist der/die denn in dem Buch ganz anders beschrieben als der Protagonist im Film wirklich aussieht?“; „Ist die Szene im Film nicht vollkommen anders als hier im Buch?“; „Das hat der/die jetzt aber nicht so gesagt, wie es hier im Buch steht, oder?“. Aber das ist nun mal so und liegt überwiegend auch daran, dass die Bücher zum Film romanartig aufgebaut und nicht wie ein Drehbuch geschrieben sind. In Romanen muss man ja ganz anders beschreiben und ausschöpfen. Wenn es genau umgekehrt ist und das Buch vor dem Film erscheint, mag es vorerst vielleicht noch gehen. Na gut, und wenn man Glück hat, ist der Film natürlich auch gut, aber es gibt ja auch Situationen, da ist dies nicht der Fall. Ich liebe ja Bücher und allgemein die Literatur und wenn ich anfange ein Buch zu lesen (ich merke übrigens von der ersten Seite an, ob mir das Buch gefallen wird oder nicht), bin ich wie magnetisiert und höre gar nicht mehr auf zu lesen. Es macht Spaß, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Nach jeder Doppelseite bekommt man ein neues Puzzlestück, um am Ende des Buches ein komplettes Fantasiebild zu haben. Wie mögen die Figuren nur aussehen? Wie mögen die Räume aussehen? Was könnte noch alles passiert sein? Vielleicht identifiziert man sich manchmal mit der Hauptperson oder mit einer Person. Man wird eins mit ihr. Perfekt klappt das bei Ich-Erzählungen, die ich übrigens sehr favorisiere. Ein gutes Beispiel, das ich aus eigener Erfahrung kenne, ist Der Vorleser von Bernhard Schlink. Ich fing an zu lesen und war gleich in die Geschichte vertieft. Ich konnte nicht genug bekommen und blätterte immer weiter und weiter, weil ich unbedingt mehr erfahren wollte. Es formten sich Figuren in meinem Kopf zusammen und ich stellte mir die Räume, Häuser, Gärten und Städte vor. Ich hatte alles vor Augen. Und dann sah ich den Film... Der Film ist nicht schlecht, aber meine Fantasie war dahin. Nie mehr kann ich das Buch mit der selben Vorstellungskraft lesen, wie ich sie mal hatte und ohne an den Film zu denken. Plötzlich ist da eine blonde Kate Winslet, die mich die ganze Zeit an Titanic erinnert und ein Ralph Fiennes, der mich an Schindler´s List oder Harry Potter (ja, ich dachte auch an Voldemort) erinnert. Obwohl ich finde, dass der Protagonist David Kross, der den jungen Michael Berg verkörpert, sehr gut getroffen ist. Trotzdem gab es immer noch genug Punkte, bei denen ich anfing den Film mit dem Buch zu vergleichen. Irgendwann tut sich wieder einmal die Frage auf: Muss denn wirklich alles mit Bildern verdeutlicht werden, sodass wir gar keine Fantasie mehr entwickeln müssen/können? Bei Harry Potter denkt jeder an Daniel, Emma und Rupert und natürlich an den berühmten Speisesaal von Hogwarts. Bei Twilight denken wir an Robert und Kristen und bei Forrest Gump denken wir an Tom Hanks. Das Schlimme dabei ist, dass die fantasiereichen Bücher leider manchmal total untergehen, denn oft gewinnt nur der Film. Es ist ein schmaler Grat, denn schließlich gibt es solche, die wollen Bücher lesen und wollen, dass sie so bleiben, wie sie sind und dann gibt es jene, die nicht lesen wollen und nur den Film sehen wollen. Meistens gibt es dann auch diejenigen, die denken, ein Film ist haargenau wie das Buch. Das hörte ich doch damals in der Schule schon ganz oft: „Ich lese das Buch nicht, sondern schaue den Film. So kann ich doch auch eine Inhaltsangabe schreiben.“ Verhübscht könnte man auch sagen: „Ich lese nicht, ich lasse lesen.“ Doch ich dachte mir schon immer: „So ein Quatsch! Der Film ist doch nicht wie das Buch.“ Als Zuschauer eines Films fragt man sich natürlich auch irgendwann mal, ob denn der Autor des Romans zufrieden mit der Verfilmung ist. Auch hier nehme ich ein Beispiel von Kubrick: Shining. Um es milde auszudrücken, könnte man sagen, dass Stephen King, der Autor des Romans, nicht zufrieden mit der Verfilmung war. Höchstwahrscheinlich wird er es auch nie sein, denn er wettert noch immer dagegen. Und das obwohl doch zahlreiche Kritiker den Film spitzenmäßig finden. Doch am Ende ist der Autor eben der größte Kritiker, denn schließlich geht es um seine Vorstellungskraft. King fände den Film The Shining zwar wunderschön und er sähe fantastisch aus, aber er sei wie ein schöner großer Cadillac ohne Motor in seinem Inneren. Autsch! King sähe sich nämlich selbst auch als Kritiker. And that´s it... Das ist das, was ich schon schrieb. Ich meine, ich liebe diesen Film. Das ist keine Frage! Aber man muss sich auch mal, gerade als Autor/in, in King hineinversetzen. Es ärgert einen, wenn der Film nicht ganz den eigenen Vorstellungen eines Autors entspricht. Schließlich hat dieser doch die Grundsteine gelegt und sich exakt fantasiert, wie denn alles sein und aussehen soll. Aber den Aufwand der Filmemacher darf man auch nicht unterschätzen. Vielleicht sollte man einfach nicht aus allen Filmen Bücher und aus allen Büchern Filme machen. Denn irgendwie müssen doch Literatur und Film die Unabhängigkeit voneinander bewahren...

 

 

Autorin: Gianna Maria Frank

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